Tage 5 & 6 – Au in der Wachau

Wie immer schälen wir uns zwischen 6 und 7 Uhr morgens aus unseren Schlafsäcken. Das Bier vom Vorabend dient als Handicap. Die freundliche Nachbarin kocht uns Kaffee und fährt uns im Anschluss sogar noch zum Baumarkt, wo wir dank Tollpatschigkeit, Schwerkraft und 5 m Wassertiefe neue Schrauben kaufen müssen. Durch großes Glück finden wir sogar noch eine Gallionsfigur: einen Solarzwerg, der sich sicher gut als Toplicht machen wird. In tiefer Dankbarkeit gegenüber Bayern und Österreich für ihre Gastfreundschaft nennen wir den kleinen Racker Franz Josef. Bis Mittag wird gewerkelt. Das neue Dach sieht soweit gut aus. Sogar an Belüftungsschlitze zwischen den Sperrholzplatten haben wir gedacht. Es verspricht, ein gemütlicher Tag zu werden, und wir dümpeln so am Städtchen “Au“ vorbei, als Christina und Christian wieder in alte Muster verfallen und – ohne die mahnende Schlichtung einer Aufsichtsperson von rasendem Spieltrieb getrieben – die Wasserschlacht an Bord bis zu einer Platzwunde an Christinas Augenbraue eskalieren lassen. Gut, dass Christina den Überblick behält und ihre eigene Verarztung besser koordinieren kann als ihren Körper. In Ardagger machen wir Halt, um sie im Krankenhaus noch einmal durchchecken zu lassen. Zum Glück Entwarnung! Im Anschluss fährt sie der Notarzt nach seinem Dienstende wieder zu uns. Heute haben wirklich nur wir uns selber das Leben schwer gemacht. Unser ursprüngliches Reiseziel können wir nun auch nicht mehr erreichen, sodass wir uns in unserem Donaureiseführer einen kleinen Gasthof kurz vor der nächsten Schleuse raussuchen, der sich ein kleines Stück stromaufwärts des einmündenden Flüsschens Ysper befindet. Direkt hinter einer Brücke, die sehr niedrig ist… Mehrfach fahren wir vor der Brücke unentschlossen vor und zurück. Die Mehrheitsmeinung lautet, dass wir drunter durch passen könnten, und eine Alternative haben wir nicht, da die Wellen auf der Donau selbst hier zu heftig sind, um ankern oder anlegen zu können. Zu allem Überfluss ragen aus der Unterseite der Brücke auch noch scharfe Rohrenden heraus. Also fahren wir dicht an die Brücke heran und schalten den Motor aus, als wir uns bereits mit dem vorderen Teil des Bootes unter die Brücke gequetscht haben. Georg und Thilo hängen nun als invertierte Gondoliere seitlich aus dem Boot heraus und schieben es mit den Händen an der Decke entlangstochernd Zentimeter für Zentimeter vorwärts, während das etwas höhere Hinterdeck mit der Brücke Blutsbruderschaft schwörend Betonbröckchen und Holzspäne austauscht. Doch es gelingt!
Schade, dass das Gasthaus bereits seit Jahren geschlossen ist, aber den ollen Steg können wir dennoch benutzen. Dank unserer Feuerschale gelingen uns auch die Spaghetti mit Pesto ganz hervorragend. Und dann nichts wie rein in die Kojen.

Doch die Behaglichkeit hält am Samstag nur bis 5 Uhr morgens, als Starkregen einsetzt und unser neues Dach einer Generalprobe aussetzt. Tatsächlich bleiben die silikonierten Fugen trocken; wir sollten besser sämtliche Schlitze so präparieren… irgendwann wird es uns zu doof und wir beschließen, unter unserer engen Freundin, der Brücke, Schutz zu suchen. Problematisch ist nur, dass die bereits erwähnten Rohrenden nun Quell voluminöser Wasserfälle sind, die durch die Planken des Oberdecks in harte Scheiben geschnitten den Steuermann mit Nackenschlägen begrüßen. Immerhin haben wir einen Sündenbock: Franz Josef, den garstigen Klabautermann! Da wir sowieso nass sind, beschließen wir, einfach loszufahren. Georg übernimmt das Steuer und kriegt noch einen Regenschirm in die Rechte gedrückt. Ein Bild voll britischer Eleganz. Kein Wunder, dass Herr Newton unseren Georg im Englischunterricht immer “His Majesty“ nannte. Da wir so früh gestartet sind, können wir heute richtig Kilometer machen! Hinter der Schleuse Melk beginnt die Wachau, eine Gegend voller Weinberge und Schlösser und UNESCO-Weltkulturerbe.

Ab Melk wird die Donau über eine Distanz von 60 km von keiner Schleuse gegängelt und der schmale, unregulierte Abschnitt beherbergt eigenwillige Strudel. Im malerischen, gotischen Spitz machen wir Rast, um das Dach zu optimieren und eine Pizza zu verdrücken. Wir schaffen es heute bis hinter die Schleuse Altenwörth, hinter der wir in einem Altarm anlegen. Nach so einem anstrengenden Tag haben wir uns unser Chili con Carne mit Schuss wirklich verdient. Gute Nacht.

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