Das Team

2500 Kilometer. 4 Verrückte. 1 Boot.

Von Regensburg bis ins Schwarze Meer. 4 Wochen haben wir Zeit für unser Abenteuer im selbstgebauten Boot auf der Donau – willkommen auf unserem Reiseblog, der uns in der Vorbereitung und auf der Fahrt als Logbuch dient. Eine Menge wilde Ideen, Umsetzung bisher: 0% – aber was könnte da schon schiefgehen?

– Chrissi, Christian, Georg & Thilo

Disclaimer: Möglicherweise kennst du uns aus dem beruflichen Umfeld. Denk daran, dass alles, was du hier siehst und liest eine rein private Angelegenheit ist!

Der Motor

Jede lange Reise beginnt mit dem ersten Schritt. Für uns ist das ein 70 kg schwerer Metallklotz: Noch völlig bootlos haben wir uns entschieden, dass wir jetzt unbedingt einen Motor brauchen.

Natürlich verstehen wir noch nichts von Bootsmotoren und nach dem Studium vertrauenswürder Blogs sind wir uns sicher, dass wir etwa 1 bis 70 PS benötigen. Christian ist ganz stark für 70 PS, während Georg den Größenwahn zu dämpfen bemüht ist.

In Langenhagen bei Hannover haben wir einen Termin bei einem Händler. Wir sind perfekt vorbereitet und sind wir fest davon überzeugt, den Motor mit öffentlichen Verkehrsmitteln und einer selbstgebauten Sackkarre bis nach Kassel zu bekommen, wo unser Boot entstehen soll. Natürlich entpuppen sich 70 PS-Motoren als gigantisch und sind mit zwei Personen nur wenige Zentimeter zu bewegen. Keine Chance.

Gut, dann halt eine Nummer kleiner, wir finden bezahlbare 30 PS: Baujahr 1976 (?), 2-Takter, Handstart, Pinne. Gekauft. Glücklicherweise wohnt „nur 100 km“ ein Freund von uns, den wir überzeugen, dass wir da mal so einen kleinen Motor transportieren müssten. Glücklicherweise hat er seit einer Woche einen Neuwagen. Perfekt geeignet, um den ölverschmierten und nach Benzin stinkenden Motor zu transportieren. Mit vier Personen, der Sackkarre und dem Motor ist es kuschelig in seinem Opel Corsa.

Wir stellen den Motor bei Freunden noch einen Tag unter – wir können ihn ja schlecht mit in die Sauna nehmen. Ab jetzt mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur noch nach Kassel. Es sind 2 km vom Lagerort des Motors bis zur S-Bahn. Mit den platten Reifen der Sackkarre und 70 kg Motor nicht die schnellsten 2 km – wir kommen aber heil an. Was für ein Service, der Fahrer der Bahn begrüßt uns persönlich. Auf der folgenden ICE-Fahrt nach Kassel macht sich eine Bierwerbung mit der Überschrift „Leichtes Gepäck“ über uns lustig, wofür wir uns später am Bier rächen werden. Wir stellen eine Art Attraktion für eine Menge interessierter Mitreisender dar. Niemand hat eine Ahnung, aber jeder eine Meinung – so wie wir. Jetzt noch einen naiven Taxifahrer finden, der uns bis nach Hause bringt. Yeah, wir haben einen Motor!image

Der Bootsbau

Was braucht man für einen richtigen Boot-Trip? Ein Boot!

Aber was ist das eigentlich genau? Der wesentliche Unterschied zu dem in der Schifffahrt weniger privilegierten Schwimmkörper bzw. Floß ist der durchgehende Rumpf; ein Motor kann auch nicht schaden. Für ein Boot kann man in einem beliebigen deutschen Schifffahrtsamt eine Zulassung beantragen und, sobald eines davon selbige erteilt, im Prinzip überall damit rumschippern.

Die erste Konstruktionsskizze ist schnell gekritzelt: zwei parallele, jeweils durchgängig verbundene Schwimmkörperverbünde, die einen Lattenrost stützen und längsseits einrahmen. Lässig-sportiv und dynamisch-elegant. Ein schneidiger Katamaran mit so einer Art Carport drauf. Ein sympathischer Spaßquader.

Bevor wir mit dem Bau beginnen, müssen wir allerhand Gedöns mit hoher Dichte und/oder großem Volumen ordern. Wie reizend, dass Christinas Eltern ihre Anschrift als Lieferadresse und ihr Pfarrhaus als Lagerhalle zur Verfügung stellen. Die Gesamtsituation wird eine langwierige Prüfung ihrer Nächstenliebe.image

Über das Pfingstwochenende treffen wir uns zum „Zusammenbauen“, wobei Kleinigkeiten wie die Dimensionierung noch zu klären sind. Am Donnerstag werden also alle Pakete entpackt und ihr Inhalt sortiert, bevor Christinas Eltern uns begrillen. Das gemütliche Beisammensitzen gibt Gelegenheit, unsere Mückenbekämpfungsstrategie in der Praxis zu testen: das seemännische Pfeiferauchen. Ganz harter Tobak.IMG_20160505_175018.jpg

Nachdem die Holzkonstruktion am Vorabend bereits auf einem Zettel festgebrainstormed worden ist, geht es am Freitag mit einem Sprinter auf eine trockene Odyssee durch die Kasseler Baumärkte. Am Vorabend konnten wir uns bzgl. der Holzdicken nicht einigen, weshalb nun auf den Gängen von Bauhaus, OBI und Co. fleißig verschiedene Balken-Brett-Kombinationen nach dem akustisch-visuellen Bieg-Knack-Knick-Verfahren auf ihre Belastungsfähigkeit getestet werden. Schließlich haben wir alle Hölzer beisammen, bis uns ein Mitarbeiter auf die defekte Säge aufmerksam macht… Im nächsten Baumarkt finden wir Gott sei Dank ebenfalls halbwegs passendes Holz und lassen es zwei Stunden lang zusägen. Natürlich dürfen sich andere Kunden zwischendurch immer mal wieder auch etwas zuschneiden lassen. Gutes Karma werden wir gut gebrauchen können; sonderlich nach Feng-Shui sieht unsere Konstruktion schließlich nicht aus, auch wenn unsere Feuerschale mit 80 cm Durchmesser und unsere Pfeifen effektive Werkzeuge zum Ausräuchern sein sollten.IMG_20160507_152211.jpg

Bis lange nach Sonnenuntergang und Nachtruhe bauen wir noch am Freitag nach unserem 10-stündigen Einkauf. Die Toleranz der Nachbarn ist wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass alle ganz neugierig sind, was wir da bauen. Am Samstag geht es mit dem Sonnenaufgang weiter; wieder bis lange nach Sonnenuntergang. Erst am Sonntagmittag ist die Grundkonstruktion 1 Festmeter Holz, 15 m Gewindestange, 100 Winkel und 2000 Schrauben später fertig.image

Am Sonntag hatten wir eigentlich vor, das Boot zu Wasser zu lassen und ein paar Teichenten aufzuscheuchen. Allerdings hat das wiederholte Zusammen- und Auseinanderbauen zwecks Analyse und Optimierung problematischer Schritte so viel Zeit in Anspruch genommen, dass die Probefahrt entfallen muss. Im Nachhinein war das wohl das Beste. Einen Plan, wie wir die 1,x t Schiffsmasse wieder aus dem Tümpel kriegen würden, hatten wir, rückblickend betrachtet, nämlich nicht.

Die Vorbereitungen

Schon seit Wochen haben wir das Gefühl, zu 90 % fertig zu sein, obwohl es immer wieder so Kleinigkeiten wie den Bootsführerschein zu erledigen gibt und noch zwanzig weitere Pakete bestellt werden. Für den Bootsführerschein haben nur Christian und Georg Zeit, also muss unbedingt einer bestehen, damit die ganze Sache nicht ins Wasser fällt.

Die Theorie besteht aus 253 Fragen, deren Antworten man mit einer App erstaunlich schnell auswendig gelernt hat. Von den Fragen hat man häufig nicht so viel Ahnung, aber man erkennt schnell einzelne Stichwörter in den Antwortmöglichkeiten, die immer richtig sind. Auch bei der praktischen Prüfung sind wir uns sicher, dass es einfach wird, bis dann am Tag der Prüfung von den fünf Prüflingen vor uns drei durchfallen. Leichte Panik macht sich breit, aber dann gelingen die Prüfungen doch problemlos.IMG_20160618_161816

Wichtigste Bestellung der letzten Woche: ein 5 Liter-Kanister Knoblauchöl – zur Mückenabwehr sowie Imprägnierung des Decks und als Haarkur.

Schließlich hat das Schifffahrtsamt Köln unser Boot offiziell als Kleinfahrzeug/Sportboot deklariert. Ganz ohne Foto! Damit hat wirklich keiner von uns gerechnet. Zur Feier dessen braucht es unbedingt einen (heutzutage natürlich total obsoleten) Schiffstempel!IMG-20160604-WA0001

Die Abreise

Wir sind noch immer zu 90 % fertig. Am vorigen Wochenende haben wir eine leicht überdimensionierte 25 kg schwere Motoraufhängung geschweißt. Die letzten 10 % der Vorbereitung erledigen wir am Samstag: Lebensmitteleinkäufe, letzte Bohrungen, Winkel und Schrauben.

Mit einem Überlänge-Transporter geht es nach Regensburg – das Teil ist riesig, aber das einzige Fahrzeug, das unser auseinandergebautes Boot transportieren kann und das wir gerade noch fahren dürfen. Das Einladen dauert Stunden, abends kommen wir rechtzeitig zum Deutschlandspiel an. 16 Bier und ebenso viele Elfmeterschüße später haben wir zum letzten Mal den Komfort echter Betten.

IMG_20160702_142311.jpgDen wir aber nicht lange genießen. Um 5 Uhr geht’s zum Yachthafen Donautal, kurz hinter Kehlheim, ab wo die Donau durchgehend schiffbar ist. Etwa eine Tonne wiegt unser Boot, also keine Chance, es zusammengebaut ins Wasser zu hieven. Genauso erscheint ein Zusammenbau im Wasser unmöglich. Deshalb bauen wir es einfach direkt unter dem Schiffskran zusammen. Wir haben einen harten zeitlichen Anschlag, da ab 8 Uhr andere Sportboote eingesetzt werden sollen. (Ja, auch wir sind offiziell ein Sportboot.) Eineinhalb Tonnen Boot und Gepäck ausladen, Rümpfe zusammenstecken, längsseits miteinander verbinden, Deckmodule aufsetzen und festschrauben, stabilisierende Stahlseile anbringen. Um 8 kommt der kritische Moment. Müssen wir auf Fahrräder umsteigen, weil unser Boot beim Anheben auseinanderbricht? Wir stellen zum ersten Mal fest: Wir sind unsterblich!image
Der entspannte Hafenmeister, der auf seinem Fahrrad ständig im Hafenbereich kreist, erlaubt uns, zum weiteren Aufbau im Yachthafen zu bleiben. Balken werden gesetzt, Bänke zusammengeschraubt, die Motoraufhängung final angebracht, das Anbringen der Planen und der Bau eines zweiten Stockwerks werden begonnen.

Die Ratsche macht es schließlich am Nachmittag vor und nimmt ohne lange nachzudenken ein erfrischendes Bad im brackigen Hafenwasser. Davon inspiriert springt Thilo glatt hinterher und holt den Nichtschwimmer wieder an Land. Die Freude darüber versteckt er gut.image

Erster Fail: Wir haben das 2-Takt-Öl zu Hause vergessen. Wir beschließen also, den Aufbau fertigzustellen, uns von der Imbissbude, deren Essen Restaurantqualität hat, verwöhnen zu lassen und die Nacht im Hafen zu verbringen. Zufälligerweise hat der Hafenmeister noch 2-Takt-Öl und verkauft es uns für den Preis, den wir auf Amazon finden. Zweiter Fail: Der Benzinanschluss des Motors ist stark undicht. Ausnahms- und freundlicherweise schaut der Hafenmechaniker bereits am Sonntagabend vorbei und setzt einen neuen Anschluss ein. Er hilft uns, den Motor anzuwerfen, überprüft ihn und konstatiert, dass der Motor zwar funktioniere, wir aber dennoch hirnrissig seien. Wir freuen uns über das Kompliment und den funktionierenden Motor.

Bis es dunkel wird, schrauben wir weiter und schließen den Abend mit einem gemütlichen Bierchen vom Imbissbudengriechen ab.

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Tag 1 – wir müssen noch viel lernen

Los geht’s! Die ersten Kilometer fliegen vorbei – aber nicht ganz so schnell wie gedacht. Mit Sicherheit liegt das nicht an der charmanten Gesellschaft und der tollen Unterhaltung mit Gitarre & Gesang. Vielmehr daran, dass wir eine Maximalgeschwindigkeit über Wasser von 8 km/h haben. Und dass die Strömung, zumindest auf dem ersten Abschnitt, deutlich langsamer ist als erwartet. Nämlich 2 km/h anstelle von ergoogelten 5 km/h Durchschnittsgeschwindigkeit. Anscheinend sind wir aber so schnell, dass wir unsere und die Strömungsgeschwindigkeit relativistisch addieren müssen: insgesamt scheinen wir langsamer zu fahren als die Summe der beiden Geschwindigkeiten …

An Tag 1 kommen wir 75 km weit und brauchen dafür 10 Stunden, inklusive zweier Sportbootschleusen und einer Industrieschleuse, bei deren Bezwingung durch unsere Crew ein Beobachter nicht auf den Gedanken käme, dass wir einen Bootsführerschein haben. Das hätte man auch bei unserer Fahrt durch die Steinerne Brücke in Regensburg kaum vermutet – hier ist allerdings die unglaublich starke Strömung Schuld, die uns gegen unseren Willen und Motor einfach um 180 Grad dreht. Insgesamt müssen wir echt noch lernen, mit dem Boot zu manövrieren. Jeder probiert es ein wenig aus und irgendwann können wir dann auch geradeaus fahren.

Erfolg des Tages: Unser erster Einkauf in Regensburg mit 24 hartgekochten Eiern, 9 Dosen Hering in Eier-Senf-Soße und 7 kg Wassermelone. Weil wir auf unsere Ernährung besonders achten, bleibt die Wassermelone im Prinzip liegen, aber Thilo und Christian essen jeweils 6 Eier mit viel Salz und Hering aus der Dose.

Apropos: nach Stunden des Rumgeeiers zwischen linkem und rechtem Ufer kommen wir an der Schleuse vor Straubing an, wo wir anlegen und die Nacht verbringen.

Tage 2 & 3

Während wir am Abreisewochenende und Tag 1 noch zu fünft unterwegs waren, reist Babsi (Christians Freundin) heute ab, weil sie wieder arbeiten muss. Danke für die schönen Tage mit dir!

Wir nutzen die Gelegenheit, dass wir angelegt haben, indem Christian die Muttern nachzieht, die unser Boot zusammenhalten. 45 Minuten verbringt er halb im Wasser, halb kletternd unter dem Boot. Schwierigkeit: zum Kontern der Muttern braucht man beide Hände und auf keinen Fall darf man eines der Werkzeuge fallen lassen. Thilo nutzt die Gelegenheit auch und knüpft Kontakte zur ortsansässigen Verbindung – 4 Bier später ist er wieder an Bord.

Anscheinend sind wir den Vormittag über nicht unbeobachtet geblieben (abgesehen von den tausenden Touristen, die Fotos von uns machen): Christinas Mutter hat eine Webcam in Passau aufgetrieben, die unsere Durchfahrt festgehalten hat. Ähnliches gilt auch für Linz, wo wir noch mehrere Minuten gegen die Strömung ankämpfen, nur für ein schönes Bild.

Zwei Zwischenfälle gibt es noch, die uns das Gefühl geben, unsterblich zu sein: Zuerst rammen wir einen Stein, der sich fieserweise in einer Untiefe versteckt. Es rummst erst laut in der Schiffsmitte, dann schlägt unser Außenborder noch dagegen. Die Inspektion danach ergibt, dass folgendes passiert ist: nichts. Ebenso passiert nichts, als wir in einer Hafeneinfahrt im Sand stecken bleiben. Christian springt schließlich ins Wasser und schiebt uns frei.

Mittlerweile ist die Donau wirklich breit. Eine große Menge an Zuflüssen haben den von Anfang an nicht kleinen Fluss zu einem hunderte Meter breiten Strom werden lassen.

Tag 4 – Linz

Es kracht. Wieder. Und wieder. Kaum zu ignorieren. Nur noch ein paar Minuten… Im Traum sitzt man in einer Schiffsschaukel, die zu nah an einem Kettenkarussel voller schreiender Kinder steht und hart und erbarmungslos immer und immer wieder auf sein schrilles Ziel eindrischt. Doch die Realität ist weniger erfreulich: die kaum geschützte Bucht lässt Wellen ungehindert passieren. Jede Beschleunigung des Wassers reißt unser Boot mit sich, bevor sie durch Bug, Steg und Klampen jäh auf Null geköpft wird. Inspiration der Illusion von Kindergeschrei könnte Christina geliefert haben. Prost Mahlzeit, nur schnell weg hier. Also ab nach Linz! Die Schleuse Ottensheim bringen wir routiniert hinter uns. 12 Meter Hub – gegen unsere nächtlichen Amplituden gar nix.

Mittags erreichen wir Linz, eine lebhafte Stadt mit barocken Elementen. Von unserem Hafen „Steinernes Brückl“ aus sehen wir zunächst allerdings nur das Industriegebiet. Während Christina und Georg mit der freundlichen Unterstützung unseres Stegnachbarn Peter ein wenig werkeln, schieben Christian und Thilo die Sackkarre gen Baumarkt. Da sich die Planen – besonders die auf dem Dach – durch Sonneneinstrahlung und eventuell auch nächtlichen Schleudergang zusammengezogen haben, sollen sie nun durch Sperrholzplatten ersetzt werden. Stolz und käsekrainergedoped blockieren die beiden Hobbylogistiker auf ihrem halbstündigen Rückweg die komplette Straße mit den 2 m breiten Zuschnitten. Kaum sind die beiden wieder im Hafen angelangt, gesellt sich auch schon Josi zu uns, eine Studienfreundin von Christina und gebürtige Linzerin. Dank ihres Autos ist der Benzinkauf flott erledigt. Danke für Deine Hilfe und die unterhaltsamen Stunden!

Gegen 20 Uhr sind wir endlich so zufrieden mit den Fortschritten am Boot, dass wir per Taxi in die Innenstadt fahren, um Wiener Schnitzel essend der deutschen Mannschaft zuzuprosten. Auch wenn der Ausgang des Spiels nicht erfreulich war, half uns die tolle Atmosphäre in der Stadt schnell über die erste Enttäuschung hinweg und mancher von uns wollte gar nicht mehr nach Hause gehen.

Tage 5 & 6 – Au in der Wachau

Wie immer schälen wir uns zwischen 6 und 7 Uhr morgens aus unseren Schlafsäcken. Das Bier vom Vorabend dient als Handicap. Die freundliche Nachbarin kocht uns Kaffee und fährt uns im Anschluss sogar noch zum Baumarkt, wo wir dank Tollpatschigkeit, Schwerkraft und 5 m Wassertiefe neue Schrauben kaufen müssen. Durch großes Glück finden wir sogar noch eine Gallionsfigur: einen Solarzwerg, der sich sicher gut als Toplicht machen wird. In tiefer Dankbarkeit gegenüber Bayern und Österreich für ihre Gastfreundschaft nennen wir den kleinen Racker Franz Josef. Bis Mittag wird gewerkelt. Das neue Dach sieht soweit gut aus. Sogar an Belüftungsschlitze zwischen den Sperrholzplatten haben wir gedacht. Es verspricht, ein gemütlicher Tag zu werden, und wir dümpeln so am Städtchen “Au“ vorbei, als Christina und Christian wieder in alte Muster verfallen und – ohne die mahnende Schlichtung einer Aufsichtsperson von rasendem Spieltrieb getrieben – die Wasserschlacht an Bord bis zu einer Platzwunde an Christinas Augenbraue eskalieren lassen. Gut, dass Christina den Überblick behält und ihre eigene Verarztung besser koordinieren kann als ihren Körper. In Ardagger machen wir Halt, um sie im Krankenhaus noch einmal durchchecken zu lassen. Zum Glück Entwarnung! Im Anschluss fährt sie der Notarzt nach seinem Dienstende wieder zu uns. Heute haben wirklich nur wir uns selber das Leben schwer gemacht. Unser ursprüngliches Reiseziel können wir nun auch nicht mehr erreichen, sodass wir uns in unserem Donaureiseführer einen kleinen Gasthof kurz vor der nächsten Schleuse raussuchen, der sich ein kleines Stück stromaufwärts des einmündenden Flüsschens Ysper befindet. Direkt hinter einer Brücke, die sehr niedrig ist… Mehrfach fahren wir vor der Brücke unentschlossen vor und zurück. Die Mehrheitsmeinung lautet, dass wir drunter durch passen könnten, und eine Alternative haben wir nicht, da die Wellen auf der Donau selbst hier zu heftig sind, um ankern oder anlegen zu können. Zu allem Überfluss ragen aus der Unterseite der Brücke auch noch scharfe Rohrenden heraus. Also fahren wir dicht an die Brücke heran und schalten den Motor aus, als wir uns bereits mit dem vorderen Teil des Bootes unter die Brücke gequetscht haben. Georg und Thilo hängen nun als invertierte Gondoliere seitlich aus dem Boot heraus und schieben es mit den Händen an der Decke entlangstochernd Zentimeter für Zentimeter vorwärts, während das etwas höhere Hinterdeck mit der Brücke Blutsbruderschaft schwörend Betonbröckchen und Holzspäne austauscht. Doch es gelingt!
Schade, dass das Gasthaus bereits seit Jahren geschlossen ist, aber den ollen Steg können wir dennoch benutzen. Dank unserer Feuerschale gelingen uns auch die Spaghetti mit Pesto ganz hervorragend. Und dann nichts wie rein in die Kojen.

Doch die Behaglichkeit hält am Samstag nur bis 5 Uhr morgens, als Starkregen einsetzt und unser neues Dach einer Generalprobe aussetzt. Tatsächlich bleiben die silikonierten Fugen trocken; wir sollten besser sämtliche Schlitze so präparieren… irgendwann wird es uns zu doof und wir beschließen, unter unserer engen Freundin, der Brücke, Schutz zu suchen. Problematisch ist nur, dass die bereits erwähnten Rohrenden nun Quell voluminöser Wasserfälle sind, die durch die Planken des Oberdecks in harte Scheiben geschnitten den Steuermann mit Nackenschlägen begrüßen. Immerhin haben wir einen Sündenbock: Franz Josef, den garstigen Klabautermann! Da wir sowieso nass sind, beschließen wir, einfach loszufahren. Georg übernimmt das Steuer und kriegt noch einen Regenschirm in die Rechte gedrückt. Ein Bild voll britischer Eleganz. Kein Wunder, dass Herr Newton unseren Georg im Englischunterricht immer “His Majesty“ nannte. Da wir so früh gestartet sind, können wir heute richtig Kilometer machen! Hinter der Schleuse Melk beginnt die Wachau, eine Gegend voller Weinberge und Schlösser und UNESCO-Weltkulturerbe.

Ab Melk wird die Donau über eine Distanz von 60 km von keiner Schleuse gegängelt und der schmale, unregulierte Abschnitt beherbergt eigenwillige Strudel. Im malerischen, gotischen Spitz machen wir Rast, um das Dach zu optimieren und eine Pizza zu verdrücken. Wir schaffen es heute bis hinter die Schleuse Altenwörth, hinter der wir in einem Altarm anlegen. Nach so einem anstrengenden Tag haben wir uns unser Chili con Carne mit Schuss wirklich verdient. Gute Nacht.

Tag 7 – Wien

6:30, Aufstehen, Joggen. Für Christian und Thilo mittlerweile Routine, da sie im Herbst in Kassel den Halbmarathon mitlaufen wollen. Danach werden verschwitzt die Reste des Vorabends aus dem Kochtopf gekratzt. Heute lassen wir uns etwas mehr Zeit als sonst, denn nach Wien ist es nicht mehr weit und dort wollen wir den Abend verbringen. Gegen 16 Uhr legen wir in der Marina an, wo Christinas Freund Henrik bereits sehnsüchtig auf uns wartete. Er wird unsere Gruppe für ein paar Tage bereichern. Nun haben wir nicht nur einen Ingenieur, einen Programmierer, einen Unternehmensberater und eine Ärztin an Bord, sondern auch einen angehenden Pfarrer. Eine schöne Mischung. Mit der U-Bahn geht’s in die Innenstadt, wo wir pünktlich zur Abendmesse im Stephansdom Platz nehmen. Im Anschluss stößt Claudia zu uns, die zusammen mit Henrik in Jerusalem studiert hat. Sie absolviert hier gerade ein Auslandssemester und kennt somit natürlich alle angesagten Ecken. Im Hauptgebäude der Universität können wir es uns gerade so verkneifen, das Buffet eines Soziologenkongresses zu plündern. Mozartkugeln dämpfen den Hunger ein wenig, während wir die Oper bestaunen (natürlich nur von außen) und Richtung Donau schlendern. Postkartenmotive und Plakate demonstrieren uns unterwegs, dass der wirkliche Superstar Wiens Gustav Klimt zu sein scheint. Wir können gerade so widerstehen, goldene Klimtdevotionalien zu erwerben. Im Tel Aviv Club direkt am Wasser schauen wir gut gelaunt humusschaufelnd das Finale der Fußballeuropameisterschaft. Schön hier! Und noch besser: auch Claudia entschließt sich dazu, uns für einen Tag zu begleiten. Dann bis morgen!