Tag 4 – Linz

Es kracht. Wieder. Und wieder. Kaum zu ignorieren. Nur noch ein paar Minuten… Im Traum sitzt man in einer Schiffsschaukel, die zu nah an einem Kettenkarussel voller schreiender Kinder steht und hart und erbarmungslos immer und immer wieder auf sein schrilles Ziel eindrischt. Doch die Realität ist weniger erfreulich: die kaum geschützte Bucht lässt Wellen ungehindert passieren. Jede Beschleunigung des Wassers reißt unser Boot mit sich, bevor sie durch Bug, Steg und Klampen jäh auf Null geköpft wird. Inspiration der Illusion von Kindergeschrei könnte Christina geliefert haben. Prost Mahlzeit, nur schnell weg hier. Also ab nach Linz! Die Schleuse Ottensheim bringen wir routiniert hinter uns. 12 Meter Hub – gegen unsere nächtlichen Amplituden gar nix.

Mittags erreichen wir Linz, eine lebhafte Stadt mit barocken Elementen. Von unserem Hafen „Steinernes Brückl“ aus sehen wir zunächst allerdings nur das Industriegebiet. Während Christina und Georg mit der freundlichen Unterstützung unseres Stegnachbarn Peter ein wenig werkeln, schieben Christian und Thilo die Sackkarre gen Baumarkt. Da sich die Planen – besonders die auf dem Dach – durch Sonneneinstrahlung und eventuell auch nächtlichen Schleudergang zusammengezogen haben, sollen sie nun durch Sperrholzplatten ersetzt werden. Stolz und käsekrainergedoped blockieren die beiden Hobbylogistiker auf ihrem halbstündigen Rückweg die komplette Straße mit den 2 m breiten Zuschnitten. Kaum sind die beiden wieder im Hafen angelangt, gesellt sich auch schon Josi zu uns, eine Studienfreundin von Christina und gebürtige Linzerin. Dank ihres Autos ist der Benzinkauf flott erledigt. Danke für Deine Hilfe und die unterhaltsamen Stunden!

Gegen 20 Uhr sind wir endlich so zufrieden mit den Fortschritten am Boot, dass wir per Taxi in die Innenstadt fahren, um Wiener Schnitzel essend der deutschen Mannschaft zuzuprosten. Auch wenn der Ausgang des Spiels nicht erfreulich war, half uns die tolle Atmosphäre in der Stadt schnell über die erste Enttäuschung hinweg und mancher von uns wollte gar nicht mehr nach Hause gehen.

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Tage 5 & 6 – Au in der Wachau

Wie immer schälen wir uns zwischen 6 und 7 Uhr morgens aus unseren Schlafsäcken. Das Bier vom Vorabend dient als Handicap. Die freundliche Nachbarin kocht uns Kaffee und fährt uns im Anschluss sogar noch zum Baumarkt, wo wir dank Tollpatschigkeit, Schwerkraft und 5 m Wassertiefe neue Schrauben kaufen müssen. Durch großes Glück finden wir sogar noch eine Gallionsfigur: einen Solarzwerg, der sich sicher gut als Toplicht machen wird. In tiefer Dankbarkeit gegenüber Bayern und Österreich für ihre Gastfreundschaft nennen wir den kleinen Racker Franz Josef. Bis Mittag wird gewerkelt. Das neue Dach sieht soweit gut aus. Sogar an Belüftungsschlitze zwischen den Sperrholzplatten haben wir gedacht. Es verspricht, ein gemütlicher Tag zu werden, und wir dümpeln so am Städtchen “Au“ vorbei, als Christina und Christian wieder in alte Muster verfallen und – ohne die mahnende Schlichtung einer Aufsichtsperson von rasendem Spieltrieb getrieben – die Wasserschlacht an Bord bis zu einer Platzwunde an Christinas Augenbraue eskalieren lassen. Gut, dass Christina den Überblick behält und ihre eigene Verarztung besser koordinieren kann als ihren Körper. In Ardagger machen wir Halt, um sie im Krankenhaus noch einmal durchchecken zu lassen. Zum Glück Entwarnung! Im Anschluss fährt sie der Notarzt nach seinem Dienstende wieder zu uns. Heute haben wirklich nur wir uns selber das Leben schwer gemacht. Unser ursprüngliches Reiseziel können wir nun auch nicht mehr erreichen, sodass wir uns in unserem Donaureiseführer einen kleinen Gasthof kurz vor der nächsten Schleuse raussuchen, der sich ein kleines Stück stromaufwärts des einmündenden Flüsschens Ysper befindet. Direkt hinter einer Brücke, die sehr niedrig ist… Mehrfach fahren wir vor der Brücke unentschlossen vor und zurück. Die Mehrheitsmeinung lautet, dass wir drunter durch passen könnten, und eine Alternative haben wir nicht, da die Wellen auf der Donau selbst hier zu heftig sind, um ankern oder anlegen zu können. Zu allem Überfluss ragen aus der Unterseite der Brücke auch noch scharfe Rohrenden heraus. Also fahren wir dicht an die Brücke heran und schalten den Motor aus, als wir uns bereits mit dem vorderen Teil des Bootes unter die Brücke gequetscht haben. Georg und Thilo hängen nun als invertierte Gondoliere seitlich aus dem Boot heraus und schieben es mit den Händen an der Decke entlangstochernd Zentimeter für Zentimeter vorwärts, während das etwas höhere Hinterdeck mit der Brücke Blutsbruderschaft schwörend Betonbröckchen und Holzspäne austauscht. Doch es gelingt!
Schade, dass das Gasthaus bereits seit Jahren geschlossen ist, aber den ollen Steg können wir dennoch benutzen. Dank unserer Feuerschale gelingen uns auch die Spaghetti mit Pesto ganz hervorragend. Und dann nichts wie rein in die Kojen.

Doch die Behaglichkeit hält am Samstag nur bis 5 Uhr morgens, als Starkregen einsetzt und unser neues Dach einer Generalprobe aussetzt. Tatsächlich bleiben die silikonierten Fugen trocken; wir sollten besser sämtliche Schlitze so präparieren… irgendwann wird es uns zu doof und wir beschließen, unter unserer engen Freundin, der Brücke, Schutz zu suchen. Problematisch ist nur, dass die bereits erwähnten Rohrenden nun Quell voluminöser Wasserfälle sind, die durch die Planken des Oberdecks in harte Scheiben geschnitten den Steuermann mit Nackenschlägen begrüßen. Immerhin haben wir einen Sündenbock: Franz Josef, den garstigen Klabautermann! Da wir sowieso nass sind, beschließen wir, einfach loszufahren. Georg übernimmt das Steuer und kriegt noch einen Regenschirm in die Rechte gedrückt. Ein Bild voll britischer Eleganz. Kein Wunder, dass Herr Newton unseren Georg im Englischunterricht immer “His Majesty“ nannte. Da wir so früh gestartet sind, können wir heute richtig Kilometer machen! Hinter der Schleuse Melk beginnt die Wachau, eine Gegend voller Weinberge und Schlösser und UNESCO-Weltkulturerbe.

Ab Melk wird die Donau über eine Distanz von 60 km von keiner Schleuse gegängelt und der schmale, unregulierte Abschnitt beherbergt eigenwillige Strudel. Im malerischen, gotischen Spitz machen wir Rast, um das Dach zu optimieren und eine Pizza zu verdrücken. Wir schaffen es heute bis hinter die Schleuse Altenwörth, hinter der wir in einem Altarm anlegen. Nach so einem anstrengenden Tag haben wir uns unser Chili con Carne mit Schuss wirklich verdient. Gute Nacht.

Tag 7 – Wien

6:30, Aufstehen, Joggen. Für Christian und Thilo mittlerweile Routine, da sie im Herbst in Kassel den Halbmarathon mitlaufen wollen. Danach werden verschwitzt die Reste des Vorabends aus dem Kochtopf gekratzt. Heute lassen wir uns etwas mehr Zeit als sonst, denn nach Wien ist es nicht mehr weit und dort wollen wir den Abend verbringen. Gegen 16 Uhr legen wir in der Marina an, wo Christinas Freund Henrik bereits sehnsüchtig auf uns wartete. Er wird unsere Gruppe für ein paar Tage bereichern. Nun haben wir nicht nur einen Ingenieur, einen Programmierer, einen Unternehmensberater und eine Ärztin an Bord, sondern auch einen angehenden Pfarrer. Eine schöne Mischung. Mit der U-Bahn geht’s in die Innenstadt, wo wir pünktlich zur Abendmesse im Stephansdom Platz nehmen. Im Anschluss stößt Claudia zu uns, die zusammen mit Henrik in Jerusalem studiert hat. Sie absolviert hier gerade ein Auslandssemester und kennt somit natürlich alle angesagten Ecken. Im Hauptgebäude der Universität können wir es uns gerade so verkneifen, das Buffet eines Soziologenkongresses zu plündern. Mozartkugeln dämpfen den Hunger ein wenig, während wir die Oper bestaunen (natürlich nur von außen) und Richtung Donau schlendern. Postkartenmotive und Plakate demonstrieren uns unterwegs, dass der wirkliche Superstar Wiens Gustav Klimt zu sein scheint. Wir können gerade so widerstehen, goldene Klimtdevotionalien zu erwerben. Im Tel Aviv Club direkt am Wasser schauen wir gut gelaunt humusschaufelnd das Finale der Fußballeuropameisterschaft. Schön hier! Und noch besser: auch Claudia entschließt sich dazu, uns für einen Tag zu begleiten. Dann bis morgen!

Tag 8 – Bratislava

Am 8. Tag auf unserem Boot heuert zusätzlich zu unserer Galionsfigur Franz Josef und Chrissis Freund Henrik noch ein weiterer Leichtmatrose an: Claudia, die uns gestern noch eine Wien-Führung gab, hat sich kurzerhand entschieden, uns bis Bratislava zu begleiten. So viel Spontanität wird begrüßt!IMG_20160711_155444.jpg

Es geht also mit zwei Neulingen am Steuer heraus aus Wien und bis nach Bratislava. In der Schleuse bekleiden sich Christian und Thilo mit Rettungsring und Seesack, um Rettungswesten vorzutäuschen, die wir nicht haben. Probleme bereiten nur die futuristischen Wien-Bratislava-Schnellverbindungen, die mit geschätzten 50 km/h nur ein Dutzend Meter an uns vorbeifahren. Spekulationen, warum wir dennoch nicht kentern, führen diesen Umstand schnell auf das Haupttheorem der Fahrt zurück: Wir sind unsterblich.

In Bratislava legen wir bei Dodo an, einem liebevollen, aber doch sehr rustikalen kleinen Anleger. Es wird in einfachem Deutsch kommuniziert, Englisch wird nicht verstanden. Schon hier könnte der Kontrast zum modernen, herausgeputzten Wien kaum größer sein. Zwei Freunde, Alex und Klementina, stoßen zur Gruppe und wir fahren mit dem Bus, der gelungen das Feeling einer Achterbahn imitiert, in die Innenstadt.

Diese hat Kleinstadt-Flair, die schönen Ecken sind aber recht schnell besichtigt. Deshalb kehren wir zu typisch slowakischem Essen, Bier und Schnaps ein. Von Tatar bis Halusky ist das Essen mehr als überzeugend, der Obstschnaps auf’s Haus hebt die Stimmung und selbige schwappt auch in die Karaokebar Red Lion herüber. Da es Montag ist, ist der Laden bis auf die Barkeeperin und uns komplett leer. Es ertönen noch bis nach Mitternacht das komplette Queen Best-Of und weitere Klassiker der Mittelstufe aus unseren goldenen Kehlchen – das begeistert sogar die Barkeeperin so sehr, dass sie uns filmt…

Tag 9 – David gegen Gabcikovo

Als wir morgens wie immer gut gelaunt aus den Betten hüpfen, können wir uns die Vielseitigkeit des kommenden Tages noch gar nicht erträumen. Nach 2 Stunden Fahrt trennt sich der Strom in die Alte Donau zur Rechten, die die Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn bildet, und den breiteren Donaukanal zur Linken, der sich 37 km weiter wieder mit dem nominellen Hauptfluss vereinigt. Da nur die Schleuse des Kanals in Betrieb ist, müssen wir “da durch“. Wegen seiner stark variierenden Breite ist der von schrägen Betonwänden geführte Kanal für extreme, harte Wellen bekannt. Aber Fanz Josef scheint einen guten Tag zu haben und wir kommen ohne jeglichen Kontakt zu anderen Fahrzeugen (abgesehn von mit Verdutzten bemannten Fahrrädern auf der Kanalmauer) bis zur Schleuse Gabcikovo. Wir rufen wie immer bei der Schleuse an, sobald wir in Sichtweite sind. Es ist bereits die 16. Schleuse auf unserer Tour. Deutsch ist auch hier die präferierte Sprache. Das Ergebnis des Telefonats ist allerdings etwas ernüchternd: wir sollen circa 2 Stunden warten, dann werden wir mit einem anderen Boot zusammen zu Tal gefahren. Hmmm… wir legen erst einmal an… kurzer Blick auf das Foltermeter: 34 Grad im Schatten. Aber im Umland weit und breit kein Körper, der solchen gewähren könnte. Da hilft wohl nur eine ausgedehnte Siesta.IMG_20160712_144202.jpg

Über 2 Stunden später werden wir von Wellenschlag wachgeprügelt. Unser Spielgefährte ist da und er ist sehr groß. Wir warten, bis er in der Schleuse festgemacht hat und navigieren dann hinterher. Unser Gefährt manövriert sich wie ein widerwilliges Dromeda. Unser ansonsten zurückhaltend formulierendes Reisebuch hatte vor den Wellen in der Schleuse mit Ausrufezeichen gewarnt und tatsächlich schlägt Wasser gischtschleudernd in irrationalen Mustern in der Schleuse umher. Der Schleusungsprozess beginnt und unsere Hoffnung auf einen gedämpften Wellenschlag bleibt unerfüllt. Auch Thilo, der sich wegen der Schwimmwestenpflicht als Seesack getarnt hatte (Henrik ist noch an Bord), muss helfen, die subjektive Sicherheit im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten zu erhöhen. In der Mitte des Bootes sind wir mit einem Schwimmpoller verbunden, aber die Wellen zwingen nun Bug und Heck um diesen Fixpunkt als Wippengelenk in eine Oszillation mit extremer Amplitude. Davon mitgerissen schaben auch die äußeren tragenden Balken unseres Überbaus an der Schleusenwand auf und ab. Die Situation wird von den Crewmitgliedern als besorgniserregend bis aufregend wahrgenommen. 20 m weiter unten endet der Höllenritt. Gott sei Dank. Das Tor öffnet sich, wir fahren heraus und die Donau tut so, als sei nichts gewesen.

Abends legen wir in Komarno gegenüber einer alten Werft in einem Industriegebiet an. Über unserer Feuerschale kochen wir irgendwas mit vielen Eiern. Die Nachtruhe wird noch einmal von starkem Wind gestört. Humorlos fangen wir die herumfliegenden, losgerissenen Planen wieder ein und fixieren sie zur Strafe mit straffen Kabelbindern. Das reicht bis zum nächsten Morgen.

 

Tag 10 – Tropical Thunder

Morgens müssen wir uns leider von Henrik verabschieden. Viel Erfolg beim bevorstehenden Staatsexamen!

Planmäßig kommen wir morgen in Budapest an; heute müssen wir uns noch mit einem kleineren Hafen für die Nacht begnügen. Mittags kommen wir am beeindruckenden Dom von Etzergom vorbei, Sitz des Oberhaupts der katholischen Kirche in Ungarn und größte Kirche des Landes. Ein kleines Stück stromabwärts endet am linken Ufer das slowakische Staatsgebiet und die Donau wird nun vollständig von Ungarn umarmt.

Plötzlich ist es ruhig an Bord: aus irgendeinem Grund ist der Motor ausgefallen und will partout nicht wieder anspringen. Wir paddeln umständlich zum Ufer und schieben das Boot dort auf den Strand. Die unverhoffte Pause nutzen wir direkt zum Baden. Fröhlich wird geplanscht und unter den Planken wird der ein oder andere U-Boot-Schnaps genossen.IMG-20160719-WA0001

Mysteriös, aber nun springt der Motor wieder an. In der Mitte der Donau befinden sich nun ab und zu kleine Inselchen. Wir nutzen unser neues Know-how und suchen uns die schönste aus, um diese in Besitz zu nehmen. Eine behagliche Pfeifenfüllung später geht’s auch schon weiter.IMG-20160719-WA0000

Hinter der Festung Visegrád teilt sich bis zur Budapester Stadtgrenze der Fluss erneut in zwei Arme. Wir entscheiden uns für die kleinere “Szentendre-Duna“. Im Grenzgebiet zwischen der Slowakei und Ungarn beschrieben rote und grüne Tonnen, die die äußeren Grenzen der sicheren Fahrrinne markieren, einen Zig-Zack-Kurs, der unsere Fahrstrecke merklich verlängerte. Außerdem wurde der effektiv nutzbare Teil der breiten Stroms so verengt, dass kaum Abstand zu größeren Booten gehalten werden konnte. Zu diesen navigatorischen Herausforderungen kommen nun die Strudel hinzu. Aber so ist der Fahrer wenigstens ausgelastet. Nach wenigen Kilometern erreichen wir unseren wunderschön gelegenen Liegeplatz in Dunabogdány. Der Steg liegt zwar direkt über einem Strudel, aber nach circa 10 Minuten haben wir endlich erfolgreich festgemacht.

Die Jungs wollen unbedingt die ungarische Küche testen, während Christina müde ist und auf dem Boot abhängen möchte. Die drei kleinen Schweinchen verlassen also ihre schwimmende Hütte und fragen im Haus des Sportbootvereins nach einer zünftigen Gaststätte. Da es mittlerweile wieder schüttet wie Sau, fährt uns Herr, ein alteingesessener Donauschwabe, zum nächsten Restaurant. Er besteht darauf, uns eine Runde Rotweinschorle zu spendieren, und führt uns in die Kellerbar des Ladens. Das Fernsehbild ruckelt ein wenig, aber es ist wirklich gemütlich und trocken. Wir reden mit Herr über seine Leidenschaft, Stockcarrennen, und er klärt uns über die Geschichte der Donauschwaben auf.IMG_20160713_213711

Christina: Es ist urig auf unserem Boot. Mal abgesehen von dem Wind. Naja Stürmchen. Und dem sanften Regentröpfeln, das wie aus Kübeln auf unser Dach prasselt. Ich suche nach Abendbrot. Da unser Boot sanft im Wind schaukelt, scheint mir ein Brot zu Schmieren zu aufwendig und ich entscheide mich für eine Portion Dosenmais. Mmh lecker.

Wir lachen laut und gelöst; Christians Kopf hat die Farbe der Weinschorle angenommen, die er stetig in selbigen hineinschüttet. Die nächste Runde geht natürlich auf uns. Auf Ungarn und die Donauschwaben!

Christina: Die Beleuchtungssituation hat sich in der vergangenen Stunde stetig verbessert. Durch quasi konstantes Blitzen ist es taghell. Wie angenehm. So sieht man auch besser, wo man sich am besten an Deck mit einer Dusche erfrischen kann. Der Boden wischt sich auch ganz von allein. Hervorragend. Große Freude bereiten das Hin- und Herlaufen an Deck, um größere Wasseransammlungen auf unserem  “Dach“ zu vermeiden, und das wiederholte Berechnen der Gewitterentfernung. Training für Hirn und Körper.

Ups, es ist spät geworden. Das Restaurant hat mittlerweile geschlossen. Müssen wir wohl hier unten in der Bar bleiben. Ah wie schön, hier gibt’s Aufbackpizza – dann für jeden eine, bitte. Während wir fröhlich mampfen, erstarrt das Fernsehbild in unseren Augenwinkeln endgültig.

Christina: Langsam werde ich doch etwas müde. Zum Glück wird mein üblicher Schlafplatz über Nacht gereinigt. Dumm gelaufen für die anderen, deren Hängematten wohl ungesäubert die nächsten Tage überstehen müssen. Ich mache es mir auf der Bank gemütlich. Da Beineausstrecken und sich im Schlaf zu wenden chronisch überschätzt werden, schlafe ich wie ein Stein. Also ohne mich zu rühren.

Das Licht flackert und geht kurz aus. Super special effect! So schmeckt jedem Pizza Nummer 3 noch besser. Es kracht draußen. Ob es wohl wieder stürmt und ob es Christina wohl auch so gut geht wie uns? Mit fettigen Fingern patschen wir kichernd ihre Nummer auf die Handyoberfläche. Sie geht nicht ran. Scheint wohl schon zu schlafen. Sie verpasst hier wirklich was, aber vielleicht ist es besser so. Sie war ja schon vorhin echt fertig…

Tag 11 – Budapest

Am Morgen sieht alles noch immer sehr grau und nass aus; es hat bis in die Morgenstunden geregnet. Die einzige Motivation, sich aus den Hängematten zu wickeln, ist die heiße Dusche. Diese ist zwar nagelneu und modern, aber sehr konsequent unvollendet geblieben: es fehlen jegliche Haken, Spiegel, Vorhänge und natürlich Türen. Weiterhin verschlingt der Rückbau unserer ausgeklügelten Sturmsicherung (absurde Mengen von Kabelbindern) einige Zeit.

Wir werden noch ein letztes Mal voller Herzlichkeit auf Deutsch verabschiedet und machen uns mit einigem Respekt vor der starken Strömung auf die Weiterfahrt. Die Szentendre-Donau ist heute reißend und führt deutliches Hochwasser, die Ufer stehen in sattem Grün. Der kurze Abschnitt bis Budapest trocknet unser Deck und bringt Christina ihre gute Laune wieder, als sie in zwei Schlafsäcke eingepackt wird. IMG_20160714_121518

Wir legen noch vor dem Zentrum im Yachtclub Melba an. Der Hafenmeister kann einige Brocken Deutsch, aber beim Anblick unseres Bootes kann er sich nur mit einem breiten Grinsen und „nicht normal, nicht normal!“ ausdrücken.

Wir haben uns für die Notwendigkeit eines Dachs der Version 3.0 entschieden, eine weitere Plane über dem bisherigen. Voller Begeisterung treten Thilo und Christian den fünften Baumarktsbesuch dieser Reise an, während der Rest schon fröhlich an einem längerfristigen Sturmschutz werkelt.

Abends treffen wir uns mit einigen Freunden, Geri, Zsófia und Mate. Ihr Vorschlag, Bier zu kaufen und durch die Stadt zu laufen, trifft auf begeisterte Zustimmung. Wir streunen also höchst illegal mit Wegbierchen durch die Attraktionen Budapests, erfahren, dass die Kettenbrücke bei Regen in den Tunnel gefahren wird, verhöhnen die Palastideen des aktuellen Präsidenten und bewundern die Stadt von der Bastei aus. Wie es sich gehört, endet der Abend in einer Ruin Bar mit viel Palinka.