Tag 8 – Bratislava

Am 8. Tag auf unserem Boot heuert zusätzlich zu unserer Galionsfigur Franz Josef und Chrissis Freund Henrik noch ein weiterer Leichtmatrose an: Claudia, die uns gestern noch eine Wien-Führung gab, hat sich kurzerhand entschieden, uns bis Bratislava zu begleiten. So viel Spontanität wird begrüßt!IMG_20160711_155444.jpg

Es geht also mit zwei Neulingen am Steuer heraus aus Wien und bis nach Bratislava. In der Schleuse bekleiden sich Christian und Thilo mit Rettungsring und Seesack, um Rettungswesten vorzutäuschen, die wir nicht haben. Probleme bereiten nur die futuristischen Wien-Bratislava-Schnellverbindungen, die mit geschätzten 50 km/h nur ein Dutzend Meter an uns vorbeifahren. Spekulationen, warum wir dennoch nicht kentern, führen diesen Umstand schnell auf das Haupttheorem der Fahrt zurück: Wir sind unsterblich.

In Bratislava legen wir bei Dodo an, einem liebevollen, aber doch sehr rustikalen kleinen Anleger. Es wird in einfachem Deutsch kommuniziert, Englisch wird nicht verstanden. Schon hier könnte der Kontrast zum modernen, herausgeputzten Wien kaum größer sein. Zwei Freunde, Alex und Klementina, stoßen zur Gruppe und wir fahren mit dem Bus, der gelungen das Feeling einer Achterbahn imitiert, in die Innenstadt.

Diese hat Kleinstadt-Flair, die schönen Ecken sind aber recht schnell besichtigt. Deshalb kehren wir zu typisch slowakischem Essen, Bier und Schnaps ein. Von Tatar bis Halusky ist das Essen mehr als überzeugend, der Obstschnaps auf’s Haus hebt die Stimmung und selbige schwappt auch in die Karaokebar Red Lion herüber. Da es Montag ist, ist der Laden bis auf die Barkeeperin und uns komplett leer. Es ertönen noch bis nach Mitternacht das komplette Queen Best-Of und weitere Klassiker der Mittelstufe aus unseren goldenen Kehlchen – das begeistert sogar die Barkeeperin so sehr, dass sie uns filmt…

Tag 9 – David gegen Gabcikovo

Als wir morgens wie immer gut gelaunt aus den Betten hüpfen, können wir uns die Vielseitigkeit des kommenden Tages noch gar nicht erträumen. Nach 2 Stunden Fahrt trennt sich der Strom in die Alte Donau zur Rechten, die die Grenze zwischen der Slowakei und Ungarn bildet, und den breiteren Donaukanal zur Linken, der sich 37 km weiter wieder mit dem nominellen Hauptfluss vereinigt. Da nur die Schleuse des Kanals in Betrieb ist, müssen wir “da durch“. Wegen seiner stark variierenden Breite ist der von schrägen Betonwänden geführte Kanal für extreme, harte Wellen bekannt. Aber Fanz Josef scheint einen guten Tag zu haben und wir kommen ohne jeglichen Kontakt zu anderen Fahrzeugen (abgesehn von mit Verdutzten bemannten Fahrrädern auf der Kanalmauer) bis zur Schleuse Gabcikovo. Wir rufen wie immer bei der Schleuse an, sobald wir in Sichtweite sind. Es ist bereits die 16. Schleuse auf unserer Tour. Deutsch ist auch hier die präferierte Sprache. Das Ergebnis des Telefonats ist allerdings etwas ernüchternd: wir sollen circa 2 Stunden warten, dann werden wir mit einem anderen Boot zusammen zu Tal gefahren. Hmmm… wir legen erst einmal an… kurzer Blick auf das Foltermeter: 34 Grad im Schatten. Aber im Umland weit und breit kein Körper, der solchen gewähren könnte. Da hilft wohl nur eine ausgedehnte Siesta.IMG_20160712_144202.jpg

Über 2 Stunden später werden wir von Wellenschlag wachgeprügelt. Unser Spielgefährte ist da und er ist sehr groß. Wir warten, bis er in der Schleuse festgemacht hat und navigieren dann hinterher. Unser Gefährt manövriert sich wie ein widerwilliges Dromeda. Unser ansonsten zurückhaltend formulierendes Reisebuch hatte vor den Wellen in der Schleuse mit Ausrufezeichen gewarnt und tatsächlich schlägt Wasser gischtschleudernd in irrationalen Mustern in der Schleuse umher. Der Schleusungsprozess beginnt und unsere Hoffnung auf einen gedämpften Wellenschlag bleibt unerfüllt. Auch Thilo, der sich wegen der Schwimmwestenpflicht als Seesack getarnt hatte (Henrik ist noch an Bord), muss helfen, die subjektive Sicherheit im Rahmen unserer begrenzten Möglichkeiten zu erhöhen. In der Mitte des Bootes sind wir mit einem Schwimmpoller verbunden, aber die Wellen zwingen nun Bug und Heck um diesen Fixpunkt als Wippengelenk in eine Oszillation mit extremer Amplitude. Davon mitgerissen schaben auch die äußeren tragenden Balken unseres Überbaus an der Schleusenwand auf und ab. Die Situation wird von den Crewmitgliedern als besorgniserregend bis aufregend wahrgenommen. 20 m weiter unten endet der Höllenritt. Gott sei Dank. Das Tor öffnet sich, wir fahren heraus und die Donau tut so, als sei nichts gewesen.

Abends legen wir in Komarno gegenüber einer alten Werft in einem Industriegebiet an. Über unserer Feuerschale kochen wir irgendwas mit vielen Eiern. Die Nachtruhe wird noch einmal von starkem Wind gestört. Humorlos fangen wir die herumfliegenden, losgerissenen Planen wieder ein und fixieren sie zur Strafe mit straffen Kabelbindern. Das reicht bis zum nächsten Morgen.

 

Tag 10 – Tropical Thunder

Morgens müssen wir uns leider von Henrik verabschieden. Viel Erfolg beim bevorstehenden Staatsexamen!

Planmäßig kommen wir morgen in Budapest an; heute müssen wir uns noch mit einem kleineren Hafen für die Nacht begnügen. Mittags kommen wir am beeindruckenden Dom von Etzergom vorbei, Sitz des Oberhaupts der katholischen Kirche in Ungarn und größte Kirche des Landes. Ein kleines Stück stromabwärts endet am linken Ufer das slowakische Staatsgebiet und die Donau wird nun vollständig von Ungarn umarmt.

Plötzlich ist es ruhig an Bord: aus irgendeinem Grund ist der Motor ausgefallen und will partout nicht wieder anspringen. Wir paddeln umständlich zum Ufer und schieben das Boot dort auf den Strand. Die unverhoffte Pause nutzen wir direkt zum Baden. Fröhlich wird geplanscht und unter den Planken wird der ein oder andere U-Boot-Schnaps genossen.IMG-20160719-WA0001

Mysteriös, aber nun springt der Motor wieder an. In der Mitte der Donau befinden sich nun ab und zu kleine Inselchen. Wir nutzen unser neues Know-how und suchen uns die schönste aus, um diese in Besitz zu nehmen. Eine behagliche Pfeifenfüllung später geht’s auch schon weiter.IMG-20160719-WA0000

Hinter der Festung Visegrád teilt sich bis zur Budapester Stadtgrenze der Fluss erneut in zwei Arme. Wir entscheiden uns für die kleinere “Szentendre-Duna“. Im Grenzgebiet zwischen der Slowakei und Ungarn beschrieben rote und grüne Tonnen, die die äußeren Grenzen der sicheren Fahrrinne markieren, einen Zig-Zack-Kurs, der unsere Fahrstrecke merklich verlängerte. Außerdem wurde der effektiv nutzbare Teil der breiten Stroms so verengt, dass kaum Abstand zu größeren Booten gehalten werden konnte. Zu diesen navigatorischen Herausforderungen kommen nun die Strudel hinzu. Aber so ist der Fahrer wenigstens ausgelastet. Nach wenigen Kilometern erreichen wir unseren wunderschön gelegenen Liegeplatz in Dunabogdány. Der Steg liegt zwar direkt über einem Strudel, aber nach circa 10 Minuten haben wir endlich erfolgreich festgemacht.

Die Jungs wollen unbedingt die ungarische Küche testen, während Christina müde ist und auf dem Boot abhängen möchte. Die drei kleinen Schweinchen verlassen also ihre schwimmende Hütte und fragen im Haus des Sportbootvereins nach einer zünftigen Gaststätte. Da es mittlerweile wieder schüttet wie Sau, fährt uns Herr, ein alteingesessener Donauschwabe, zum nächsten Restaurant. Er besteht darauf, uns eine Runde Rotweinschorle zu spendieren, und führt uns in die Kellerbar des Ladens. Das Fernsehbild ruckelt ein wenig, aber es ist wirklich gemütlich und trocken. Wir reden mit Herr über seine Leidenschaft, Stockcarrennen, und er klärt uns über die Geschichte der Donauschwaben auf.IMG_20160713_213711

Christina: Es ist urig auf unserem Boot. Mal abgesehen von dem Wind. Naja Stürmchen. Und dem sanften Regentröpfeln, das wie aus Kübeln auf unser Dach prasselt. Ich suche nach Abendbrot. Da unser Boot sanft im Wind schaukelt, scheint mir ein Brot zu Schmieren zu aufwendig und ich entscheide mich für eine Portion Dosenmais. Mmh lecker.

Wir lachen laut und gelöst; Christians Kopf hat die Farbe der Weinschorle angenommen, die er stetig in selbigen hineinschüttet. Die nächste Runde geht natürlich auf uns. Auf Ungarn und die Donauschwaben!

Christina: Die Beleuchtungssituation hat sich in der vergangenen Stunde stetig verbessert. Durch quasi konstantes Blitzen ist es taghell. Wie angenehm. So sieht man auch besser, wo man sich am besten an Deck mit einer Dusche erfrischen kann. Der Boden wischt sich auch ganz von allein. Hervorragend. Große Freude bereiten das Hin- und Herlaufen an Deck, um größere Wasseransammlungen auf unserem  “Dach“ zu vermeiden, und das wiederholte Berechnen der Gewitterentfernung. Training für Hirn und Körper.

Ups, es ist spät geworden. Das Restaurant hat mittlerweile geschlossen. Müssen wir wohl hier unten in der Bar bleiben. Ah wie schön, hier gibt’s Aufbackpizza – dann für jeden eine, bitte. Während wir fröhlich mampfen, erstarrt das Fernsehbild in unseren Augenwinkeln endgültig.

Christina: Langsam werde ich doch etwas müde. Zum Glück wird mein üblicher Schlafplatz über Nacht gereinigt. Dumm gelaufen für die anderen, deren Hängematten wohl ungesäubert die nächsten Tage überstehen müssen. Ich mache es mir auf der Bank gemütlich. Da Beineausstrecken und sich im Schlaf zu wenden chronisch überschätzt werden, schlafe ich wie ein Stein. Also ohne mich zu rühren.

Das Licht flackert und geht kurz aus. Super special effect! So schmeckt jedem Pizza Nummer 3 noch besser. Es kracht draußen. Ob es wohl wieder stürmt und ob es Christina wohl auch so gut geht wie uns? Mit fettigen Fingern patschen wir kichernd ihre Nummer auf die Handyoberfläche. Sie geht nicht ran. Scheint wohl schon zu schlafen. Sie verpasst hier wirklich was, aber vielleicht ist es besser so. Sie war ja schon vorhin echt fertig…

Tag 11 – Budapest

Am Morgen sieht alles noch immer sehr grau und nass aus; es hat bis in die Morgenstunden geregnet. Die einzige Motivation, sich aus den Hängematten zu wickeln, ist die heiße Dusche. Diese ist zwar nagelneu und modern, aber sehr konsequent unvollendet geblieben: es fehlen jegliche Haken, Spiegel, Vorhänge und natürlich Türen. Weiterhin verschlingt der Rückbau unserer ausgeklügelten Sturmsicherung (absurde Mengen von Kabelbindern) einige Zeit.

Wir werden noch ein letztes Mal voller Herzlichkeit auf Deutsch verabschiedet und machen uns mit einigem Respekt vor der starken Strömung auf die Weiterfahrt. Die Szentendre-Donau ist heute reißend und führt deutliches Hochwasser, die Ufer stehen in sattem Grün. Der kurze Abschnitt bis Budapest trocknet unser Deck und bringt Christina ihre gute Laune wieder, als sie in zwei Schlafsäcke eingepackt wird. IMG_20160714_121518

Wir legen noch vor dem Zentrum im Yachtclub Melba an. Der Hafenmeister kann einige Brocken Deutsch, aber beim Anblick unseres Bootes kann er sich nur mit einem breiten Grinsen und „nicht normal, nicht normal!“ ausdrücken.

Wir haben uns für die Notwendigkeit eines Dachs der Version 3.0 entschieden, eine weitere Plane über dem bisherigen. Voller Begeisterung treten Thilo und Christian den fünften Baumarktsbesuch dieser Reise an, während der Rest schon fröhlich an einem längerfristigen Sturmschutz werkelt.

Abends treffen wir uns mit einigen Freunden, Geri, Zsófia und Mate. Ihr Vorschlag, Bier zu kaufen und durch die Stadt zu laufen, trifft auf begeisterte Zustimmung. Wir streunen also höchst illegal mit Wegbierchen durch die Attraktionen Budapests, erfahren, dass die Kettenbrücke bei Regen in den Tunnel gefahren wird, verhöhnen die Palastideen des aktuellen Präsidenten und bewundern die Stadt von der Bastei aus. Wie es sich gehört, endet der Abend in einer Ruin Bar mit viel Palinka.

Tage 12 & 13 – Red Bull verleiht Schwimmflügel

Unsere Anziehungskraft auf junge Damen ist ungebrochen: Zsofia begleitet uns heute ein kleines Stück. Gegen 10 Uhr sind wir wieder auf der Donau, die wenige hundert Meter stromabwärts das ungarische Parlament passieren wird. Doch vorher machen wir Bekanntschaft mit der Wasserschutzpolizei. Der folgende Donauabschnitt sei heute wegen eines Großereignisses nur von 11 bis 12 Uhr passierbar. Wir sollen stromaufwärts warten. Gut, dass wir Zsofia als Dolmetscher an Bord haben; ansonsten wäre die Kommunikation vermutlich so schleppend verlaufen wie unser kläglicher Versuch, gegen die Strömung anzukommen. Selbst die Polizei hat Mitleid und lässt uns nun doch vor Ort warten. Dafür möchte sie aber auch sämtliche offiziellen Dokumente sehen. Gar kein Problem, dem Schifffahrtsamt Köln sei Dank.

Als wir endlich weiterfahren dürfen, sehen wir den Grund für die Sperrung: Red Bull hat riesige schwimmende Pylonen für eine Flugshow auf die Donau setzen lassen, die von knatternden Dieselmotoren an Ort und Stelle gehalten werden. Langsam umschiffen wir Pylonen und Parlament. Eine super Möglichkeit für tolle Fotos (Hochladen erfolgt noch).

Am Abend erreichen wir das kleine Stahlindustriestädtchen Dunaföldvár, hieven unsere 40 kg schwere neue Teichfolie aufs Dach und befestigen sie vor Sonnenuntergang notdürftig mit Tackernadeln. Im Motoryachtclub wird viel und gut Deutsch gesprochen und der Vorsitzende bietet sich sogar als Fahrer für unsere Einkäufe an. Was für eine Gastfreundschaft!

Abends wird die Verankerung unseres Stegs modifiziert. Über Nacht soll der Wasserpegel um bis zu 2 m steigen. Wir jagen noch ein paar Tackernadeln hinterher und gehen zu Hängematte.

Nachts erschlafft unsere Solidargemeinschaft. Wer nass wird, muss sich erst einmal selber um sein individuelles Problem kümmern. So darf Christian mehrfach das Boot verlassen, um die Plane neu anzutackern, um in der Zwischenzeit in seinem klammen Daunenschlafsack der nächsten Windböe entgegen zu fiebern, während die anderen ihr tiefes Bedauern für seine Situation in ihre Kissen murmeln.

Der nächste Tag ist der erste, an dem wir uns gegen eine Weiterfahrt entscheiden. Den Vormittag verdödeln wir stundenlang Pokemongameboymusik lauschend, bis Christina drastische Gegenmaßnahmen ankündigt. Nun gut, das Dach harrt seiner Vollendung. Gut, dass wir zwei Tacker haben. Es kann sich also nur um wenige Stunden Handwerkerei handeln. Nach einer Stunde rutscht unverhofft das gesamte Tackermagazin aus dem besseren Tacker und säuft glucksend ab. Mist. Wir nehmen das Magazin des anderen, nicht stakkatotauglichen Tackers, und dängeln es mit Hammer und Zange so zurecht, dass wir es auch im besseren verwenden können. Eine Tackernadelstange später löst Christian das Magazin fachmännisch mit einem Hammer, woraufhin die gespannte Feder auch unser zweites Magazin – eine wunderschöne Parabel beschreibend – ins Hafenbecken schießt. Menno… Unsere Tauchversuche und die Magnetangeltechnik scheitern. Aber wir waren eh quasi fertig und Christian kann sich in seinem nach wie vor muffeligen (muffig + kuschelig) Schlafsack erholen, bevor Georg und Thilo Stamm-Smutje Christina und den Kranken von Madagaskar mit einem zwiebelreichen Gulasch verwöhnen.

The State of the Bart: Eine haarige Angelegenheit

Dem geneigten Leser unserer Einträge wird beim Betrachten der Fotos ein gewisser personenbezogener Attraktivitätsverlust ins Auge gestochen sein. Einen hinreichenden Beitrag dazu leistet das Abkommen der männlichen Crewmitglieder, die freie Entfaltung ihres Bartwuchses während der kompletten Fahrt in keinster Weise zu gefährden. Thilo hat sich im Vorfeld bereits Gedanken zu möglichen Barttrachten gemacht, die ihr nun hier exklusiv nachlesen könnt:

3. Platz: der Ziegenbart. Zugegebenermaßen nicht sonderlich kreativ, sieht er doch an jedem seiner Träger gleichermaßen peinlich aus und sorgt bei empathischen Mitmenschen für Betroffenheitsschübe, bei rustikaleren Gesellen für meckerndes Gelächter.

2. Platz: der kaukasische Halsbart.

Diese figaroesque Eigenkreation kommt all jenen zu Gute, die schon immer eine Halskrause mit aufdringlich-östlichem Touch tragen wollten. Dazu lässt man sämtliche Haare von der Kinnlinie abwärts stehen und nimmt bei Bedarf auch noch die obere Brustbehaarung in die Komposition mit auf. Dann versucht man, die Haare auf Höhe des Adamsapfels durch geschickten Bürsteneinsatz zu konzentrieren. Voluminös getragen lockert dieser Bart jedes Outfit auf. Und sieht auch noch besser aus als dieser dämliche Ziegenbart.

1. Platz: der Zahnfleischbart.

Die gute Nachricht: viele Haare braucht man hierfür nicht. Genau genommen nur eine dichtwurzelnde Barthaarreihe direkt oberhalb der Oberlippe. Der Rest des Gesichts wird komplett rasiert, um nicht von der wohltuenden Eleganz des Zahnfleischbarts abzulenken. Die Haare sollten im Idealfall die Oberlippe orthogonal passieren. Statt der Oberlippe des modebewussten Trägers sieht man dann nur einen irritierenden Welsbart. Und wenn der Gute mal lachen sollte, dann sieht man, wie die Haarspitzen ihn neckisch am Zahnfleisch kitzeln. Schlicht, schön und anders. Und immer noch besser als dieser fürchterliche Ziegenbart.

Ach so, bei Christian und Georg reicht es wohl im Endeffekt nur für einen Ziegenbart. Thilo denkt über einen Schnauzbart nach. Was denkt Ihr? 🙂

Tage 13 & 14 – Schengenraumrandnotiz

Am 13. Tag fahren wir circa 80 km weit bis nach Baja. Eigentlich wollten wir uns bei der Beschreibung dieses Tages an der BBC orientieren, die einmal kurz und knapp in den täglichen Nachrichten verlauten ließ: “Today, there is no news.“ Dann haben wir am Ende der erholsamen Fahrt, die außer vom jeweils aktiven Fahrer allseits schlafend verbracht wird, jedoch Probleme, einen Liegeplatz für die Nacht zu finden, da beide Häfen Bajas voll belegt sind. Wir haben uns schon damit abgefunden, 20 km weiter fahren zu müssen, als wir einen kleinen Anleger vor einem Wirtshaus entdecken. In selbigem verdrücken wir deftige Kost und spielen Doppelkopf, bis wir die letzten Gäste sind und das Punktekonto im Gleichschritt mit der Rechnung dreistellig wird. Man gönnt sich ja sonst nichts.IMG_20160717_185740

Am nächsten Tag verlassen wir mit unserem Übertritt auf serbisches Gebiet den Schengenraum. Damit dies legal vonstatten geht, müssen wir in Ungarn Aus- und in Serbien Einklarieren. In Ungarn gehen wir dafür in einen großen Bürokratiebunker, in dem wir mehrere Büros aufsuchen müssen. Letztendlich geben wir jedem der zuständigen Beamten die gleiche, in Deutschland ausgedruckte Crewliste und erfüllen damit die Anforderungen der Polizei, des Arztes und des Katastrophenschutzes… wo wir in Serbien einklarieren sollen, weiß allerdings niemand so genau. Knapp hinter der Grenze liegen am linken, serbischen Ufer ein paar alte, rostige Wracks. Es heißt, dort könne man einklarieren. An Bord teilt man uns jedoch mit, dass dies heute nur in Apatin, der nächsten größeren Stadt, möglich sei, in der wir sowieso die Nacht verbringen wollen.IMG-20160718-WA0001

Abends kommen wir in Apatin an und werden direkt von einem Mitarbeiter der Marina in Empfang genommen. Wir steigen in seinen Lada und er brettert die schmale Fußgängerzone entlang Richtung Polizeistation, während Fahrradfahrer und Fußgänger hastig zur Seite springen. Hier kommt unsere Crewliste erneut gut an. Unsere Pässe werden gestempelt und morgen sollen wir beim Hafenmeister die Steuer für die Nutzung der serbischen Gewässer entrichten. Das war einfach. Wir werden wieder zurückgefahren und der Polizeihund läuft uns noch eine Weile hinterher und versucht, das Auto zu beißen. Ein Spiel, das wir in den kommenden Tagen noch mehrfach beobachten werden.

Apatin wurde im 18. Jahrhundert von deutschen Siedlern, den Batanschwaben, als Abthausen gegründet und beherbergt nach wie vor eine Brauerei und den zweitgrößten Fischsuppentopf der Welt. Abends essen wir noch einen Fischeintopf, bevor wir satt und zufrieden und mit WLAN ausgestattet in unsere Hängematten plumpsen. Hier entstanden auch die Blogeinträge der vergangenen Tage 🙂IMG_20160718_205116.jpg

Tage 15 & 16 – Klumpi und Klumpinchen

Thilo nutzt den für’s Joggen auf 6:30 Uhr gestellten Wecker in Kombination mit seinem Ruhetag, um den friedlich schlummernden Nichtsnutzen das warme Wasser wegzuduschen und im Anschluss zu bloggen, während die anderen sanitär nachziehen. Christian als unser offizieller Kapitän steigt direkt aus der Dusche in den Hafenlada und klärt die letzten Formalitäten. Uns begeistert, dass die Liegegebühr inklusive des Einklarierservices nur 6 Euro kosten. Zur Kompensation will heute unser Motor partout nicht anspringen, weshalb wir ihn zerlegen. Im Rahmen dieses technischen Anatomiepraktikums finden wir heraus, dass uns der Mechaniker im ersten Hafen über den Einsatz unseres Startergases Seemannsgarrn vermittelt hat. Wir haben das Gas immer am Verbrennungsprozess vorbeigepustet. Das korrekte Loch ist schnell gefunden und tatsächlich springt unser 2-Takter nun sofort an. Schnell wird im Kopf überschlagen, wie viele Stunden des Zerrens und Rüttelns uns wohl hätten erspart bleiben können… zu viele.

Abends machen wir auf einem idyllischen Ankersee fest und futtern Nudeln mit Thunfisch. Ein noch saftigeres Festmahl bereiten wir allerdings der lokalen Mücken- und Moskitopopulation; noch Stunden nach unserer Abreise werden sie rückblickend von der “guten alten Zeit“ sprechen. Wir versuchen, sie durch intensives Pfeiferauchen und hysterischen Gesang fernzuhalten, doch im Schlaf fehlen uns effektive Abwehrmechanismen und selbst unsere Moskitonetze sind gegen diese Mutantenmücken so nützlich wie die chinesische Mauer als Firewall.

Christinas Unterarm beherbergt am nächsten Morgen eine pralle, lilafarbene Beule. Wir taufen die Beule Klumpi und Christina darf mit Klumpinchen oder auch Olivia (Popeyes Herzdame) vorlieb nehmen. Am schmackhaftesten scheint allerdings Thilo gewesen zu sein, der heroisch ohne Autaneinsatz als Opferanode zur Verfügung stand. Alleine an Beinen und Füßen hat er über 50 Stiche mit den Schwerpunkten Kniekehle und Fußrücken gefangen und erinnert an das Sams.

Am frühen Nachmittag kommen wir nach einer entspannten Fahrt – die Donau ist hier breit und ruhig und man ist darauf so einsam wie ein Teenager mit Akne – in Novi Sad an. Die mit 200.000 Einwohnern zweitgrößte Stadt Serbiens pulsiert vor jungen Leuten und bietet neben coolen Bars auch einige Wohnblocks in der Stilrichtung Neobrutalismus, die teratomartig den blauen Himmel zerkratzen und dennoch irgendwie hier hingehören. Die Hafencrew ist sehr herzlich und tauscht uns sogar etwas Knoblauchöl gegen einen Wein ab. Nachdem Christian und Thilo ihr selbstmörderisches Intervalltraining abgeschlossen haben, lassen wir gemeinsam die restlichen Stunden des Nachmittages im Donaustrandbad bei Würstchen und Eis an uns vorbeiplätschern, während die Temperaturen langsam wieder unter die 30 Grad sinken. Abends begleiten wir noch Christina, die mit Klumpi in der Stadt Gassi geht. Hach, ist der Kleine groß geworden!

Tag 19 – Belgrad

Da wir am gestrigen Abend die sagenhaft günstigen Taxis Novi Sads kennengelernt haben, geht es am Morgen mit dem Taxi zur Tankstelle und zum Supermarkt. Schnell ist entschieden, dass man bei diesen Temperaturen unbedingt Sangria braucht. Wir kaufen das komplette Sangria-Angebot eines Supermarktes, das sich beim Ausladen aus dem Taxi direkt zerlegt, also geht es mit dem Taxi gleich los zum nächsten Supermarkt und das dortige Sortiment wird geplündert.

Die Hitze ist drückend und so führen wir die Tradition des U-Boot-Schnapses fort: Am nächsten hübschen Strand wird angelegt und unter den äußerst misstrauischen Augen der Einheimischen die Sangria professionell im Eimer bereitet. Auch Christina findet unser Verhalten suspekt und bleibt lieber an Bord, als wir unter das Boot steigen, um im Schatten des selbigen die halbwegs kalte Sangria zu genießen.IMG_20160721_165904

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Bald darauf sind wir auch schon in Belgrad. Unser Donauführer empfiehlt ein spezielles Bootsrestaurant als Anleger, aber an diesem hat niemand davon gehört, dass Boote festmachen dürfen. Dafür freut man sich bei einer neuen schwimmenden Bar sehr über unsere Ankunft, ganz im Gegensatz zu Christina. Da wir keine einfache, zentrale Alternative sehen, bleiben wir dennoch und trinken direkt ein paar Bierchen mit den Angestellten. Pfeifen und Gitarre werden ausgepackt und in gemütlicher Runde lernen wir einige Serben kennen. Dann wollen wir noch in die Stadt weiterziehen, während Christina sich lieber mit einem Buch auf dem Boot einrichtet.IMG_20160721_211316-PANO

In Belgrad ist in dieser Nacht allerhand los, zwei Serbinnen führen uns von einer Bar zur nächsten, während Thilo sich trotz des deutlichen Alkoholeinflusses abmüht, unsere Begleitung zu überzeugen, dass der Holocaust nicht nur Erfindung und Vorwand der Amerikaner ist. Geschichtlich scheint hier einiges nachzuholen sein.IMG-20160724-WA0002

Nachts wandern wir über die Burgruinen Belgrads mit fantastischem Blick zurück zur schwimmenden Bar. Hier ist die Party noch lautstark im Gange, aber nach kurzer Zeit übermannt uns die Müdigkeit und wir fallen trotz der Lautstärke in die Kojen.

Tag 19 & 20 – Und dann waren’s nur noch drei

Wie hervorragend die Wahl der Wasserdisco als Liegeplatz war, zeigt sich erst in den Morgenstunden: Um 8 Uhr früh wummert die Partymusik fröhlich weiter. Oder hat sie nie aufgehört? Die einzige, die das genau weiß, ist Chrissi, denn sie hat praktisch die ganze Nacht den eingängigen Beats aus dem Schlafsack gelauscht. Sie entscheidet sich für eine frühe Stadttour und lässt die Jungs mit ihrer Katerstimmung allein. Als diese endlich eingesehen haben, dass der Lärm kein Ende finden wird und aus dem Boot steigen, zeigt sich, dass die Tanzfläche praktisch unverändert ist: Exakt die selben Gestalten wie vorherige Nacht sind noch immer ausgelassen am Feiern. Auf Nachfrage, wie das denn sein kann, wird stolz verkündet, dass Ecstasy im Spiel war. Das nimmt die letzte Hoffnung, die Party könne bald enden; wir fliehen in das Freibad um die Ecke.

Nachdem wir also beim Wasseraerobic ein paar mitleidvolle Blicke bekommen haben, wird noch eine kurze Stadttour angeschlossen und dann heißt es leider bereits, Thilo zu verabschieden. Denn dessen Anwesenheit ist nicht nur bei uns, sondern auch auf einer Hochzeit in Deutschland dringend erwünscht. So heißt es leider farewell und während die verbliebene Crew den Motor anlässt, um noch ein paar Kilometer weiterzukommen, legt Thilo die Füße im Hotel hoch und schläft den Rest des Tages.

Abends kommt die Maria Ignatia in Smederevo an. Der angepeilte Wassersportverein liegt direkt neben der schwimmenden Dorfdisco. Christina verleiht ihrer Begeisterung Ausdruck. Wir finden ein Restaurant ein bisschen weiter stromaufwärts, das einen Anleger hat und gerade renoviert wird. Der stolze Besitzer ist weiterhin im Besitz von etwa drei Zähnen und obwohl wir es schaffen, uns auf Französisch als Kommunikationsart zu einigen und er anscheinend einiges zu erzählen hat, bleibt der Informationsfluss sehr gering. Um die Stimmung aufzulockern, entscheiden wir uns für ein kooperatives Kartenspiel und gehen früh zu Bett.

Den Morgen laufen wir durch Smederevo zu einer Ruine. Auf dem Weg erweitern wir unser beliebtes Ratespiel „Wrack oder serbischer Tanker?“ auf Eisenbahnen und liegen prompt alle falsch, als tatsächlich Passagiere einsteigen. Die Idee für eine Fortsetzung dieser Reise, mit einer ausrangierten Lock durch Osteuropa, wird geboren.

Zurück auf dem Boot erleben wir einen Ausfall unserer Klimaanlage: Wir haben Rückenwind und die leichte Brise, die uns normalerweise 32 Grad im Schatten ertragen lässt, ist nicht vorhanden, wir schmoren an Deck vor uns hin. In Veliko Gradište wollen wir aus Serbien ausklarieren, am Anleger eines Duty Free Shops will uns ein älterer Herr für das Anlegen 20€ für eine Stunde abnehmen. Also fahren wir ein paar Meter weiter und legen vor einem öffentlichen Park an. Sogleich eilt uns besagter Senior nach und gestikuliert wild, auch dies sei privat und koste 20€. Wir weigern uns zu bezahlen, da normalerweise eine ganze Übernachtung in einem gut ausgestatteten Hafen 10€ bis 20€ in Lokalwährung kostet. Er zetert, droht die Polizei zu rufen und für einen Moment sieht es aus, als wolle er sich mit dem nicht nur 10cm größeren, sondern auch 40 Jahre jüngeren Christian prügeln. Passanten bieten uns Hilfe an, aber keiner ist sich wirklich sicher, ob der Anleger öffentlich ist, da sich unser Methusalix weiterhin mit viel Geschrei aufregt. Schließlich geben wir auf und beschließen an einem anderen Tag auszuklarieren.

In Golubac legen wir an und bereiten gerade das legendäre Carne con Chili, als wir Jasper kennenlernen. Der hat heute schon 78 km auf seinem Kanu hinter sich und will in den nächsten Monaten noch bis nach Istanbul; Hut ab! Es wird zunächst Pfeife geraucht und dann hat Jasper noch kubanische Zigarren dabei, sodass uns der Tabakgeschmack wohl noch den morgigen Tag begleiten wird.